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Auftaktkonferenz in Berlin

Bau- und Immobilienwirtschaft plant Zukunft
Schonung von Ressourcen durch hochwertiges Recycling

Die IRBau (inzwischen re!source Stiftung e.V.) hat sich mit einer gut besuchten Konferenz am 31.5.2017 in Berlin erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Inhaltlich ging es um den Ausbau der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Das Programm bestand aus acht Fachvorträgen und einer Podiumsdiskussion.

Konferenz

Jochen Flasbarth,
Staatssekretär a. D., Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

Vortrag „Ressourcen und Recycling als politisches Ziel“

Kernaussagen:
„Das Thema Ressourcenschutz ist so aktuell wie nie zuvor. Weltweit werden doppelt so viele Ressourcen verbraucht, wie noch vor dreißig Jahren. Ein schonender und gleichzeitig effizienter Umgang mit natürlichen Ressourcen wird zu einer Schlüsselkompetenz zukunftsfähiger Gesellschaften.“

„Deutschland hat die besten Vorrausetzungen, voranzugehen. Mit dem Programm „ProgRess II“ will die Bundesregierung die Inanspruchnahme von Rohstoffen reduzieren. Die Aspekte nachhaltiges Bauen und nachhaltige Stadtentwicklung wurden hierbei wegen ihrer besonderen Bedeutung in eigenständigen Themenfeldern berücksichtigt. Auch mit dem Bewertungssystem für Nachhaltiges Bauen (BNB) gibt es hervorragende Anknüpfungspunkte.“

„Ziel ist die Verbesserung der Steuerungsmechanismen und die Beförderung der Rückbau- und Recyclingfreundlichkeit von Gebäuden bereits im Entwurf. Das bedeutet: Der Rückbau fließt in die Planung des Gebäudes von vorneherein mit ein.“

„Ressourcenschutz ist immer auch ein Beitrag zum Klimaschutz, denn äquivalent zum geringeren Verbrauch reduziert sich auch der Energieaufwand, der im Prozess der Ressoucengewinnung anfällt.“

„Das Potenzial, das im Bereich Ressourcenschonendes Bauen vorhanden ist, ist enorm. Daher begrüßen wir die Gründung der Initiative IRBau ausdrücklich. Wichtig sind Best-Practice-Beispiele und Impulse an den Gesetzgeber, damit sich der Bereich entwickeln kann.“

„Ressourcenschutz muss genauso selbstverständlich werden wie Klimaschutz. Und er muss im Alltag gelebt und durchgesetzt werden und zwar auf allen Ebenen, auf Seite der Politik, der Industrie und der Konsumenten.“

„Insbesondere in Bereichen wie dem Bausektor gilt es auf Grund der langen Planungshorizonte von fünfzig, hundert oder mehr Jahren mögliche Entwicklungsszenarien genau zu analysieren um Rebound- und unerwünschte Nebeneffekte genauso zu vermeiden wie Pfadabhängigkeiten.“

„Es liegt also auf der Hand, wohin die Reise gehen muss: Wir müssen soweit wie möglich auf ein ökologisch sinnvolles Recycling setzen, dazu die Effizienz in der Produktion so weit wie möglich steigern und der zielgerichteten Innovation den Weg ebnen.“

Rolf Brunkhorst,
Leiter Nachhaltigkeit, Schüco International KG in Bielefeld

Vortrag „Initiative Ressourcenschonende Bau- und Immobilienwirtschaft“

Kernaussagen:
„Weltweit nimmt der Ressourcenverbrauch zu. Ein großer Teil der Rohstoffe landet im Gebäudesektor. Theoretisch geht damit ein großes Potential einher – dann, wenn hochwertig recycelt wird. In der Realität ist man davon jedoch noch weit entfernt.“

„Es gibt gleich mehrere Gründe, sich mit dem Thema Recycling in der Bau- und Immobilienwirtschaft auseinander zu setzen: Abnehmende Rohstoffreserven, politische Unabwägbarkeiten in den Ursprungsländern, begrenzte Deponiekapazitäten und signifikant steigende Kosten. Mit Ressourcen anders umzugehen ist eine Frage der Vernunft und längst überfällig.“

„Die Bauproduktenverordnung sieht eigentlich vor, dass ein Bauwerk so entworfen, errichtet und abgerissen werden muss, dass die natürlichen Ressourcen nachhaltig genutzt und recycelt werden können. Normative Grundlagen fehlen bislang. Daher ist in der Umsetzung noch viel Luft nach oben.“

„Dass im Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) vom Bundesministerium für Umwelt und Bauen das so genannte Modul D ausgesetzt wurde, ist ausgesprochen problematisch: Ökobilanziell wird somit nicht mehr berücksichtigt, ob bei der Errichtung eines Gebäudes recycelbare Baustoffe eingesetzt werden oder nicht.“

„Die Relevanz des Themas wird durchaus wahrgenommen, insbesondere auf EU-Ebene. Gleichwohl befindet sich das Konzept der „Circular Economy“ noch in den Kinderschuhen.“

„Wie bringt man den Gedanken des Recyclings und der Kreislaufwirtschaft in die Bau- und Immobilienwirtschaft? Die Methode „Cradle to Cradle“ liefert hierfür einen guten Anhaltspunkt. Ziel ist, mit umweltgerechten Inhaltsstoffen und echter zirkulärer Wertschöpfung zukunftsgerechte Gebäude und Bauprodukte in der Bau- und Immobilienwirtschaft einzuführen.“

„Bei Rückbauten aus dem Gebäudebestand werden die Recyclingmöglichkeiten nicht ausgeschöpft und für Neubauten wird zu wenig auf späteres Recycling nach der Nutzung geachtet, recycelbare und nicht recycelbare Produkte werden gleichberechtigt verwendet. Das will die IRBau ändern und tritt für eine langfristige Materialwende ein.“

Manfred Fuchs,
Directorate General for Internal Market, Industry, Entrepreneurship and SMEs

Vortrag „Ressourcenpolitik – Bericht aus Brüssel“

Kernaussagen:
„Aus europäischer Sicht ist das Thema „Ressourcenschonendes Bauen“ eine Mammutaufgabe: Wir müssen der Perspektive aller Mitgliedsstaaten gerecht werden, was nicht einfach ist, weil es keine einheitliche Datenlage gibt und die technischen Möglichkeiten begrenzt sind.  Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich. Wir setzen daher mehr und mehr auf „soft instruments“, die zum Ziel haben, Informationen bereit zu stellen und Praxisbeispiele zu liefern.“

„Grundsätzlich soll der Aspekt Recycling in der Bewertung von Gebäuden zukünftig mehr gewichtet werden. Dabei spielen nicht nur die Produkte, die zum Einsatz kommen, eine Rolle.  Das Gebäude insgesamt, auch die Phase nach der Nutzung, muss betrachtet werden.“

„Bereits in der „Mitteilung der Kommission an das europäische Parlament zum effizienten Ressourcenansatz im Gebäudesektor“ aus dem Jahr 2014 wurde hervorgehoben, dass unterschiedliche nationale Begebenheiten einer Verbesserung der Ressourceneffizienz im Bausektor im Weg stehen. Aufgabe ist daher, Ziele/Ziel-Kategorien und Indikatoren für die Bewertung der Nachhaltigkeit von Gebäuden zu erörtern und den Austausch über die praktische Umsetzung voranzutreiben. Kernindikatoren sollen definiert und ein gemeinsamer Rahmen geschaffen werden, nicht als Konkurrenz zu den bestehenden Zertifizierungssystemen, sondern als frei zugängliches, niedrigschwelliges Angebot. Dieser Prozess soll bis 2018 abgeschlossen sein.“

Univ. Prof. Annette Hillebrandt,
Architektin, Bergische Universität Wuppertal

Vortrag „Parameter Kreislaufpotenzial in Entwurf und Baukonstruktion“

Kernaussagen:
„Die Entwicklung des Dämmstoffs HBCD hat vor Augen geführt, wie ein über Jahrzehnte unkritisch eingesetztes Material quasi über Nacht zur gefährlichen Altlast wurde. Schadstofffreiheit ist Grundvoraussetzung für gesundes Leben und Wertstabilität einer Immobile.“

„Die Entwicklung der Deponieauslastung und -kosten zeigen, dass es allein aus wirtschaftlichen Gründen wichtig ist, sich damit zu befassen, was wie verbaut und auch wieder weiter genutzt oder entsorgt wird.“

„Hersteller und Planer müssen umdenken. Ich plädiere für geschlossene Produktkreisläufe, die wertvolle Ressourcen nicht `downcyceln´, sondern in eine echte Kreislaufwirtschaft zurückführen.“

„Wir Architekten müssen dazu lernen und anders planen. Indem wir zum Beispiel eine mögliche Umnutzung von vorneherein miteinbeziehen, nur `closed-loop-Materialien´ einsetzen und so bauen, dass Materialien im Falle eines Umbaus oder beim Abriss sauber demontiert werden können.“

„Was wie verbaut wird, soll sich in einem digitalen Gebäudepass niederschlagen, der späteren Umbau- oder Abrissmaßnahmen zugrunde gelegt werden kann. Ziel sind Gebäude, die am Ende ihrer Nutzung nicht an Wert verlieren, sondern einem am Rohstoffpreis gemessenen Mehrwert haben.“

„Wichtig wird sein, die Zielsetzung eines Ressourcenschonenden Bauens in die Ausbildung zukünftiger Architekten zu implementieren und Studierenden wie bereits praktizierenden Architekten so viele Informationen wie möglich zukommen zu lassen. Das Wissensdefizit bezüglich ressourcenschonender Baustoffe und Bauweisen ist enorm und muss systematisch abgebaut werden.“

Prof. Dr. Ing. Sabine Flamme,
FH Münster, Kreislauf- und Abfallwirtschaft, Infrastruktur-, Ressourcen- und Stoffstrommanagement

Vortrag „Auf dem Weg in die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen“

Kernaussagen:
„Das anthropogene Lager in Deutschland wächst aktuell noch an. Die Herausforderung ist es sein, die Informationen über die Materialien zu erheben und Techniken zu entwickeln, die ein hochwertiges Recycling ermöglichen.“

„Ein großes Manko ist das unzureichende Know-how beim Rückbau von Bauwerken. Es reicht nicht nur, zu wissen, welche Baustoffe verbaut werden. Es ist auch wichtig zu wissen, wie sie verbaut werden. Das gilt insbesondere für die Verbundstoffe. Es ist oft unbekannt, wie sie verbunden sind, wie sie getrennt werden können und wie eine optimale Qualität im Hinblick auf ein hochwertiges Recycling erreicht werden kann. Wir wissen auch zu wenig darüber, welche Schadstoffe eventuell enthalten sind.  Da ist noch sehr viel Forschungsarbeit zu leisten.“

„Produktverantwortung gibt es bereits in vielen Bereichen, warum nicht auch in der Bau- und Immobilienwirtschaft? Aus meiner Sicht müssen Hersteller ihre Produkte zu Ende denken und nicht nur auf Funktionalität und Design achten.“

„Ohne ordnungspolitische Regelungen wird es nicht gehen, auch Anreize und alternative Geschäftsmodelle, wie zum Beispiel Leasing-Modelle sind nötig. Als Anreiz könnte zum Beispiel eine „Vorgabe von Einsatzquoten für Recycling-Stoffe“ dienen oder äquivalent zum Bereich Energieeinsparung Kreditvergaben, die den Aspekt Ressourcenschonung berücksichtigen.“

„Eine Bewertung von Gebäuden muss den Rückbau und die Entsorgung einbeziehen und die verwendeten Baustoffe müssen dokumentiert sein. Die Einführung von BIM (Building Information Modelling) bietet hierfür gute Ansätze.“

„Auch der Rückbau muss Bestandteil der Planungsleistung sein. Mit trennbaren Materialien, monolithischen und modularen Bauweisen zum Beispiel wäre die Durchführung von Recyclingprozessen sehr viel einfacher.“

„Es gibt bereits sehr viele rechtliche Vorgaben, wie mit Bauprodukten umgegangen werden soll und wie Recycling im Baubereich vorangetrieben werden kann. Was ich jedoch vermisse, ist die Konsequenz in der Umsetzung.“

„Geschlossene Kreisläufe herzustellen ist möglich. Aber hierfür müssen alle Beteiligten – Hersteller, Planer, Rückbauer, Entsorger, Wissenschaft und Forschung – interdisziplinär zusammenarbeiten und ihre Kompetenzen einbringen.“

Matthias Kopp,
WWF Deutschland Finanzsektor und Energie

Vortrag „Globale Umweltbedeutung und Ressourceneffizienz“

Kernaussagen:
„Bis 2035 werden global 90 Billionen US-Dollar in Infrastrukturmaßnahmen investiert, ein großer Teil davon in Gebäude. Für eine nachhaltige Gestaltung dieser Investitionen, die den Klimaschutz berücksichtigt, fallen weitere fünf Billionen an. Es ist eine großmaßstäbliche Entwicklung, die da vor uns liegt und wir sollten darüber nachdenken, dass wir sie schlau und vor allem richtungssicher gestalten.“

„Dass das Thema Umgang mit Ressourcen kein Nischenthema ist, spiegelt sich auch in der Betrachtung der „Global Risc Landscape 2017“ wieder: Viele der genannten Risiken haben damit zu tun, wie mit den Ressourcen umgegangen wird.“

„Der Klimaschutz kommt ohne einen stärkeren Ressourcenschutz nicht aus. Wenn die politischen Vereinbarungen zum Klimaschutz, <2-Grad-Ambitionsniveau, umgesetzt werden soll, müssen sämtliche Branchen dazu beisteuern, auch und gerade die Bau- und Immobilienwirtschaft.“

„Wer das Thema Klimaschutz umsetzen will, muss die Bereiche Materialeffizienz und Ressourceneffizienz vorantreiben. Die Bau- und Immobilienwirtschaft birgt hierfür ein großes Potential.“

„Von den 17 von den United Nations formulierten „Sustainable Development Goals“ (SDG) haben zwölf unmittelbar mit dem Umgang mit Ressourcen zu tun. Es ist wichtig, dass sich alle, die sich mit dem Thema Bauen befassen, dieses Kontexts bewusst sind, auch die Investoren.“

Dr. Markus Beukenberg,
CTO WILO SE, Dortmund

Vortrag „Der Produktlebenszyklus von TGA Komponenten unter BIM Aspekten mit dem Schwerpunkt Recycling“

Kernaussagen:
„Als Stiftungsunternehmen agieren wir nicht Kapitalmarktorientiert, sondern verfolgen langfristige Strategien. Ein Thema, mit dem wir uns intensiv befassen, ist die Digitalisierung, die nicht nur unsere Produkte, sondern auch unsere Arbeitsweise stark verändern wird.“

„Viele Stoffe, die in unsere Produkte einfließen, stehen nur begrenzt zur Verfügung, ihre Gewinnung ist mit großem Aufwand und zunehmenden Kosten verknüpft. Es ist daher unser ureigenes Interesse, Wege zu finden, wie wir diese Stoffe rückgewinnen und wiederverwenden können.“

„Die Einführung einer zirkulären Wertschöpfung ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Voraussetzung sind geeignete Produkte und Prozesse. Faktoren, die erfüllt sein müssen, sind zum Beispiel ein modularer Aufbau, möglichst sortenreine Wertstoffe, offene Schnittstellen, Demontagefähigkeit und Kompatibilität.“

„Ein Produktlebenszyklus endet nicht mit Ende der Nutzung, sondern bezieht die Phase danach mit ein. Hier muss die Industrie eine völlig neue Sichtweise entwickeln.“

„Mit Hilfe von BIM (Building Information Modeling) werden wir in der Lage sein, den Einsatz und den Verbleib unserer Produkte nachzuvollziehen. Dadurch verbessern sich natürlich auch unsere Recyclingmöglichkeiten.“

„Modularität spielt eine große Rolle. Ein defektes Teil austauschen und nicht das ganze Produkt wegwerfen. Oder das Produkt so gestalten, dass es mit Hilfe einer Software ein „update“ erfahren kann. Das Ganze als Prozess etablieren, der hunderttausend Mal eingesetzt wird – dann lohnt es sich auch wirtschaftlich.“

„Wenn wir acht bis neun Millionen Produkte jährlich verkaufen, dann müssen wir auch die Kapazitäten aufbauen, diese Produkte wieder zu recyceln. Dabei geht es sowohl um technische Prozesse als auch die Beschaffenheit der Produkte. Hier brauchen wir viel Innovation!“

„Die Digitalisierung ermöglicht uns, Prozesse zu optimieren (BIM) und Produkte mit völlig neuen Eigenschaften zu schaffen (Block Chain). Zur Wertschöpfungskette gehört allerdings auch, dass unsere Produkte zugänglich sind, das heißt, auch die Architektur muss sich ändern.“

„Um möglichst viele zum Mitmachen zu bewegen, ist es wichtig, das Thema Zirkuläre Wertschöpfung in interessante Geschäftsmodelle zu betten.“

Reinhold Rünker,
Ministerium für Wirtschaft NRW, StäV.III Wirtschaftspolitik

Vortrag „Zirkuläre Wertschöpfung als industriepolitisches Innovationskonzept“

Kernaussagen:
„Das Thema „Zirkuläre Wertschöpfung“ wird bei uns seit circa zwei Jahren diskutiert. Manche plädieren für einen Wachstumsstopp, aber wir wollen Industrieland bleiben. Die zirkuläre Wertschöpfung sehen wir als ein Ermöglichungsprogramm für eine hochindustrialisierte Gesellschaft und industriepolitisches Innovationskonzept mit neuen Produkten, neuen Geschäftsmodellen und neuem Denken (Rethink!) “

„Produkte sollen so produziert werden, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus in einen neuen Wertschöpfungsprozess überführt werden können.“

„In NRW gibt es viele produzierende Unternehmen, die eine hohe Rohstoffabhängigkeit und zugleich eine kleinteilige, inhabergeführte Struktur mit hoher Flexibilität aufweisen. Während in großen Firmen Entscheidungswege oft festgelegt sind, betrachten wir vor allem kleine und mittlere Unternehmen als geeignete Partner dafür, innovative Wege im Bereich Ressourcenschonendes Bauen einzuschlagen.“

„Das Thema ressourcenschonendes Bauen berührt relevante Zukunftsfragen: Wird es in der Bau- und Immobilienwirtschaft so etwas wie eine Sharing-Economy geben? Welche neuen Wertschöpfungsketten und Verbünde werden entstehen? Und wie wird es gelingen, das Disruptive, Neue mit dem Bestehenden zu verbinden? Das Neue muss umsetzbar sein!“

„Unsere Aufgabe als Wirtschaftsministerium sehen wir darin zu prüfen, welche Unterstützung wir leisten können, und zwar im Sinne von ermöglichen und nicht von immer mehr regulieren. Dabei müssen wir natürlich auch die Verzahnung zwischen Land, Bund und EU berücksichtigen. Der Zug rollt an, lokal, regional und international, und es lohnt sich, jetzt aktiv mitzugestalten.“

Moderation

Michael Hölker,
Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Baustofffachhandel

Teilnehmer

Anja Rosen (AR),
Architektin, energum GmbH (agn-Gruppe), Sachverständige für Nachhaltiges Bauen [SHB], DGNB-Auditorin, Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Baukonstruktion, Entwurf, Materialkunde an der Bergischen Universität Wuppertal

Thomas Lauritzen (TL),
Leiter Internal Services und Unternehmenssprecher, Schüco International KG Bielefeld

Stephan Riemann (SR),
Geschäftsführer Lightcycle Retourlogistik und Service GmbH

Fragen:

Welche Vorstellungen und Ideen zum Thema Ressourcenschonende Bau- und Immobilienwirtschaft zeigen sich im Tagesgeschäft? Welche Probleme gibt es? Was soll sich ändern? Wie soll sich die IRBau positionieren? Welche Parallelen und welche Unterschiede gibt es zu anderen Branchen wie z.B. der Automobil- oder Lichtindustrie? Welche Rolle spielen gesetzliche Regelungen? Wie kann und soll sich die Industrie positionieren? Wie die Architektur? Welche Chancen und Risiken gibt es angesichts immer höherer Baukosten und immer komplexer werdender Ansprüche? Wie muss sich die Politik positionieren?

Kernaussagen:

AR: „Als Architekten und Ingenieure verplanen und verbauen wir heute in unserer rohstoffhungrigen Zeit bereits die Ressourcen nachfolgender Generationen. Unsere Bauherren stellen uns zunehmend die Aufgabe, Gebäude so zu gestalten, dass die Materialien leicht zurückgewonnen und verwertet werden können. Design for Urban Mining.“

AR: „Was die Perspektive der Architekten angeht, gibt es im wesentlichen drei Ansatzpunkte. Erstens, fehlende Regularien. Die HOAI definiert die Verantwortung des Architekten nur bis zum Ende der Fertigstellung eines Bauwerks, bzw. bis zum Ablauf der Gewährleistungsfrist. Das Lebensende eines Gebäudes wird nicht berücksichtigt. Zweitens: Ressourcenschonend zu bauen ist – ausgehend vom heutigen Kenntnisstand – zunächst mit Mehraufwand verbunden, es mangelt an Wissen! Und drittens: Unser eigenes Selbstverständnis steht uns im Weg, die Baukunst steht im Vordergrund, die Frage, was passiert, wenn ein Gebäude nicht mehr nutzbar ist, wird nicht bedacht.“

TL: „Anders als die homogene Automobilindustrie ist die Bauindustrie sehr heterogen aufgestellt. Diverse Verbände agieren unabgestimmt im politischen Umfeld in Berlin, das führt dazu, dass je nach Interessenlage Uneinigkeit darüber besteht, ob der Lebenszyklus eines Gebäudes auf der Deponie endet oder die Wiederverwendung von Produkten mitberücksichtigt werden soll. Das ist ein Problem.“

TL: „Wichtig ist, Wissen zu bündeln! Themen auszuarbeiten und zu kommunizieren – nicht mit einer Stimme, sondern mit mehreren Stimmen dieselbe Botschaft! Die IRBau sieht sich als Initiatorin und Bindeglied, will aber nicht als übergeordnetes Sprachrohr in Erscheinung treten. Die Kommunikation soll bewusst über so viele Akteure wie möglich laufen!“

SR: „Für die Elektroindustrie, Beispiel Lichtindustrie, gibt es im Bereich Erfassung & Recycling eine Fülle gesetzlicher Vorschriften. Damit allein ist es jedoch nicht getan. In der Umsetzung gibt es – Stichwort Schadstoffentfrachtung – noch viel zu tun. Die Stoffströme verändern sich und es sind nicht nur Wertstoffe, sondern auch Schadstoffe die hier zugeführt werden.“

SR: „Ein weiteres Thema ist die Kontamination: Wir sehen zum Beispiel immer wieder, dass der Unterschied zwischen Lampe und Leuchte nicht erkannt wird – die Lampe bleibt in der Leuchte, bei der Behandlung kommt es zum Bruch, Quecksilber tritt aus und der gesamte Container mit Elektroaltgeräten ist kontaminiert. Hier zeigen sich Schwächen im Prozess, die mit dem immer schneller voranschreitenden Technologiewandel noch zunehmen werden.“

SR: „Eine effektive Marktüberwachung findet in Deutschland faktisch nicht statt. Durch den Onlinehandel wird dies zusätzlich erschwert. Bis zu vierzig Prozent der Inverkehrbringungsmenge bei Beleuchtung werden online verkauft. Ein Großteil aus dem asiatischen Raum. In fünf Jahren haben wir diese Produkte im Stoffstrom und wissen nichts über die stoffliche Zusammensetzung.“

TL: „Das Thema `Zusammensetzung´ der Produkte beschäftigt uns auch bei Schüco. Das Prinzip `Cradle-to-Cradle´ setzt genau hier an. Es baut darauf auf, dass alle eingesetzten Materialien und Produktteile wiederverwendet werden können. Das bedeutet aber auch, dass die Zusammensetzung der Materialien und Produkte bekannt sein muss. In der Praxis stoßen wir hier oft an Grenzen und müssen zum Beispiel bei Zulieferern hart darum kämpfen, dass wir die notwendigen Informationen auch erhalten.“

TL: „Ein Thema ist auch die Kostenbetrachtung, die sich seitens der Investoren aber auch seitens des Bundes zu sehr darauf konzentriert, was die Errichtung eines Gebäudes kostet, nicht aber dessen Nutzungszeit betrachtet, ganz zu schweigen davon, was nach Ende der Nutzung passiert. Das muss sich ändern.“

TL: „Als Unternehmen ist es schwer, im Alleingang Änderungen herbeizuführen. Mindestens die Politik muss mit im Boot sitzen und mit ihren Anforderungen für öffentliche Gebäude die Weichen für eine Ressourcenschonende Bauweise stellen. Das muss sich bereits in den Ausschreibungen niederschlagen.“

AR: „Die IRBau ist eine sehr gute Plattform, die Relevanz des Themas Ressourcenschonendes Bauen zu kommunizieren. Wichtig ist aber auch der reine Wissenstransfer! Der Recycling-Atlas, der aktuell von einem Team der Bergischen Universität Wuppertal erarbeitet wird, soll konkret darüber informieren, wie recyclinggerecht gebaut werden kann. Damit sollen praktizierende Architekten erreicht werden, aber auch die, die sich gerade in der Ausbildung befinden.“

AR: „Nachwuchsförderung ist sehr wichtig. Deshalb wurde in Kooperation mit der Bergischen Universität Wuppertal, dem Urban Mining Verein und der agn-Gruppe ein `Urban Mining Student Award´ ins Leben gerufen. Wir brauchen junge Architekten, die schon an der Hochschule Ressourcenschonendes Bauen lernen, um es dann später auch in der täglichen Praxis anwenden zu können. Wichtig wäre natürlich auch, dass sich die Architektenkammern an dem Prozess beteiligen.“

AR: „Das Bauen hat sich verändert. Es ist komplexer geworden. Früher kamen natürliche Materialien zum Einsatz, die leicht auseinander zu nehmen waren und einfach verrottet sind. Heute existieren vollkommen andere Anforderungen im Hinblick auf Brandschutz, Wärmeschutz etc., was zu Folge hat, dass hochtechnisierte Verbundmaterialen verbaut werden, die oft auch noch verklebt sind und nur schwer sortenrein getrennt werden können. Wie damit im Sinne einer Ressourcenschonenden Bauweise umgegangen werden kann und welche Alternativen es gibt, müssen wir uns erst erarbeiten.“

TL: „Wir brauchen Pilotprojekte, die zeigen, wie es anders geht. Am besten in Kooperation mit dem Bund. Der Bund muss mit gutem Beispiel vorangehen.“

AR: „Die Rede war von der Notwendigkeit von Pilotprojekten. In Berlin soll auf dem Areal des Flughafens Tegel die so genannte Urban Tech Republic entstehen. Das bisherige Terminalgebäude wird in eine Hochschule umgewandelt. Das Projekt ist in ein Urban-Mining-Konzept eingebettet: Alle Baustoffe, die zurückgebaut werden, sollen möglichst vor Ort recycelt und wiederverwertet werden. Alles, was neu hinzugefügt wird, soll so gestaltet werden, dass es recyclingfähig ist. Dieses Projekt wird für viel Aufmerksamkeit sorgen.“

SR: „Mein Wunsch ist die gesetzliche Verpflichtung zum Nachweis der stofflichen Inhalte bei den Produkten, die die Hersteller, bevor sie sie in Verkehr bringen, nachzuweisen haben. Genauso verpflichtend muss es sein, dass sich Hersteller kollektiven Sammelsystemen anschließen müssen, und Ihren finanziellen Beitrag zur Sammlung und Recycling Ihrer Produkte beitragen.“

Speaker

In der Reihenfolge des Auftretens

Jochen Flasbarth
Rolf Brunkhorst
Manfred Fuchs
Prof. Annette Hillebrandt
Prof. Dr. Ing. Sabine Flamme
Matthias Kopp
Dr. Markus Beukenberg
Reinhold Rünker

Hinweis: Die Inhalte spiegeln die Meinung der Referenten wider.